Stadtmuseum Kaufbeuren: „Kaufbeuren unterm Hakenkreuz. Eine Stadt geht auf Spurensuche.“

Partizipative Ausstellung im Stadtmuseum Kaufbeuren

1. November 2019 bis 17. Mai 2020

Die neue Sonderausstellung im Stadtmuseum Kaufbeuren erzählt in Schlaglichtern die Geschichte Kaufbeurens im Dritten Reich: Wie hat sich der Nationalsozialismus damals hier verankert? Was genau ist in der Stadt passiert? Und wie nehmen wir die NS-Zeit heute wahr?



BDM-Mädchen in solchen Mänteln begrüßen Soldaten bei einem Durchmarsch in der Ganghoferstraße in Kaufbeuren, 1933-1945 (Foto: WDR Digit/klemra)

Einen besonderen Weg ging das Museum bei der Ausstellungsentwicklung und bezog interessierte Bürger*innen sowie 10 Kooperationspartner aus der Stadtgesellschaft in die einjährige Spurensuche und Erstellung von Ausstellungsinhalten mit ein. Die Idee eines Teilhabeprojekts entstand, als nach der Wiedereröffnung des Stadtmuseums 2013 Kritik am Ausstellungsbereich zum Nationalsozialismus laut wurde. Das Stadtmuseum stellte sich der Kritik in einer öffentlichen Podiumsdiskussion, in der die geladenene Expertenrunde vor allem bemängelte, dass die Ausstellung nur wenig über die konkreten Ereignisse vor Ort in der NS-Zeit erzähle. „Als Konsequenz suchten wir in der Kaufbeurer Bevölkerung nach noch erhaltenen Objekten aus der NS-Zeit, holten die Bürger*innen Kaufbeurens als Zeitzeugen und Nachfahren mit ins Boot und fanden mit Carolin Keim (Expertin für partizipative Ausstellungen) und Nina Lutz (Historikerin mit Schwerpunkt Nationalsozialismus) personelle Unterstützung für unser Vorhaben“, so Petra Weber, Leiterin des Museums.



Elftklässlerinnen des P-Seminars „Geschichte“ am Marien-Gymnasium beschäftigten sich mit den beeindruckenden Zeitdokumenten und sprachen mit Maria Fischer, Leihgeberin der Tagebücher und Cousine der Tagebuchschreiberin. Zitat: „Ich wusste nicht, dass meine Cousine Tagebuch geführt hatte. Als ich die Tagebücher nach dem Tod ihres Ehemannes entdeckte, begann ich, sie zu lesen. Ich stellte mir vor, dass es für junge Menschen, Schülerinnen der gleichen Schule, wie Marie-Luise vor über 70 Jahren, eine besondere Motivation darstellen würde, sich mit den Erfahrungen und Gedanken eines (fast) gleichaltrigen, aber in einer ungleich schwereren Zeit lebenden Mädchens auseinanderzusetzen.“

Besucher*innen erwartet eine vielfältige Ausstellung, die das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Sie zeigt Kaufbeurer Objekte und Geschichten – viele davon stammen von Bürger*innen der Stadt. Ergebnisse aus den Kooperationensprojekten verdeutlichen die heutige Sicht von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auf die NS-Vergangenheit.

Wer sich über die Ausstellung hinaus mit der Kaufbeurer NS-Geschichte, aber auch dem Rechtsruck in Teilen der Gesellschaft auseinandersetzten möchte, findet im abwechslungsreichen Begleitprogramm für alle Altersgruppen (siehe ab Seite 4) Gelegenheit dazu.

Schulen stehen begleitend zur Ausstellung verschiedene museumspädagogische Angebote zur Verfügung (siehe Website).

Das partizipative Ausstellungsprojekt wird gefördert im Fonds Stadtgefährten der Kulturstiftung des Bundes.

Die Kooperationspartner und ihre Projekte

Das Stadtmuseum Kaufbeuren bedankt sich bei den 10 Kooperationspartnern und den vielen mitwirkenden Kaufbeurer*innen für die Begeisterung, die Offenheit und die gute Zusammenarbeit:



Tagebücher von Marie-Luise Schindele (1928-2005), in denen die Internatsschülerin ihre Erlebnisse und Gedanken während der Kriegszeit in Kaufbeuren festhielt (Foto: Stadtmuseum Kaufbeuren, Leihgabe privat)

AKF Kaufbeuren
fotografierte Porträts von den Menschen hinter der Ausstellung, die als Teil der Ausstellung zusammen mit Fragen an die Vergangenheit und Gegenwart in der Kaufbeurer Innenstadt an Hauswänden gezeigt werden.

Bundesprogramm „Demokratie leben!“

begleitete und unterstützte das Projekt als Experte für politische Bildung und gestaltete u.a. maßgeblich die öffentliche Auftaktveranstaltung mit, die alle Bürger*innen zum Mitdiskutieren und Hinterlassen von Anregungen und Wünschen für die Ausstellung einlud.

Generationenhaus Kaufbeuren mit dem „Zeitreisetreff“…
stellte sich für Zeitzeugeninterviews zur Verfügung und ist mit einem Erzählcafé sowie einem moderierten Zeitzeugengespräch Teil des Rahmenprogramms.

Jakob-Brucker-Gymnasium…
beschäftigte sich im P-Seminar „Geschichte“ u.a. mit der Entstehung des Fliegerhorstes Kaufbeuren und erarbeitete Text-, Hör-und Digitalbeiträge für die Ausstellung. Schülerinnen entwickelten eine externe Präsentation zur Geschichte der Schauburg – zu sehen im Schaufenster der Kulturwerkstatt.

Kulturwerkstatt Kaufbeuren…
erarbeitete zum Ausstellungsthema das Theaterformat „Stadtgeschichten 3. Kaufbeurer Geschichte(n) unter dem Hakenkreuz“ für den Geschichtenladen.

Marien-Gymnasium…

setzte mit Schüler*innen des P-Seminars „Geschichte“ verschiedene Inhalte für die Ausstellung um – darunter Ausstellungstexte und Hörbeiträge, etwa zur Geschichte des Kaufbeurer Tänzelfestes während der NS-Zeit.

querKUNST…

entwickelte gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen ein Filmprojekt: „Damals und heute.“

Seniorenbeirat Kaufbeuren mit den „Neugablonzer Zeitzeugen“…
erinnerte sich in Zeitzeugeninterviews und lieferte wertvolle Geschichten und Erinnerungsstücke für die Ausstellung.

Technisches Ausbildungszentrum der Luftwaffe, Abteilung Süd (Standort Fliegerhorst Kaufbeuren)…

begleitete Recherchearbeiten von Schüler*innen, entwickelte mit ihnen eine Ausstellung zur Geschichte des Fliegerhorstes auf dem eigenen Gelände und veranstaltet im Rahmen des Begleitprogramms Führungen über den Fliegerhorst.

vhs Kaufbeuren…

trägt mit einem Vortrag über den Umgang mit Populismus, einer Denkrunde mit dem Titel „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ und einer geschichtlichen Ausfahrt ins Münchner Stadtmuseum zum Begleitprogramm bei.

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